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Mit Kindern über den Nationalsozialismus reden

Wenn 26 Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse 70 Minuten still(!) auf ihren Plätzen sitzen und gebannt einer 82jährigen Dame lauschen, dann ist das nicht selbstverständlich – vor allem aber sehr beeindruckend. Die Klasse 4b mit Klassenlehrerin Britta Janßen hat sich diese Zeit genommen, um Eva Weyl aus Amsterdam nach Kevelaer in den Unterricht einzuladen und um mit ihr über ihre Kindheitserlebnisse in Gefangenschaft und Konzentrationslager zu sprechen.

Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes entstammt einer jüdischen Familie, die ursprünglich in Kleve ein Kaufhaus besaß und ihre Wurzeln auch am Niederrhein hat. Seit vielen Jahren spricht sie mit großem Engagement an weiterführenden Schulen im Kreis Kleve vor jugendlichen Zuhörern, um an den Holocaust zu erinnern und davor zu warnen, dass „Auschwitz sich nicht wiederhole“. Aber sollte man dieses schwierige Thema auch mit 10jährigen zum Unterrichtsgegenstand machen? „Ja!“, meinten Lehrerin Britta Janßen und Eva Weyl, so dass dieser besonderen Begegnung nichts mehr im Wege stand.

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Anfang März erzählte Frau Weyl dann im Sitzkreis der 4b ihre Geschichte: Nach der Machtergreifung Hitlers verließen ihre Eltern Kleve und zogen nach Arnheim, wo Eva Weyl geboren wurde, während ihre Großeltern trotz beginnender Judenverfolgung in Deutschland blieben. Nach der Eroberung der Niederlande durch die Nazis  verlor die Familie Weyl ihre Freiheit und musste in das Konzentrationslager Kamp Westerbork bei Groningen. Dort wurden die Juden interniert und die kleine Eva musste viele Entbehrungen hinnehmen: Schlafbaracken mit mehrstöckigen Betten, unwirtliche Toilettenanlagen, Schlamm und Morast bei schlechtem Wetter … Aber Westerbork war auch bekannt als Lager des „schönen Scheins“: Es gab eine Schule für die Kinder des Lagers, welche die kleine Eva besuchte. Sogar Kabarettaufführungen fanden auf Geheiß des Kommandanten Gemmecker statt und kein Jude wurde in Westerbork von den Nazis gewaltsam getötet. Die tödliche Gefahr lauerte allerdings auf den Gleisen, denn einmal pro Woche schickte der Kommandant 1000 Lagerinsassen in Viehwaggons Richtung Osten, häufig direkt in ein Vernichtungslager – wie zum Beispiel Auschwitz – und damit in den sicheren Tod. „Aber wir haben mehrfach Glück gehabt!“, erklärt Eva Weyl ihren aufmerksamen, jungen Zuhörern und schildert die aufwühlenden Begebenheiten während der Lagerzeit kindgerecht und einfühlsam. „Meine Eltern haben mich beschützt. Und jetzt habe ich selber Kinder und Enkelkinder – meine Geschichte hat ein Happy End!“

Eva Weyl erzählt lebendig, den Kindern zugewandt und hat zahlreiche großformatige Bilder im Gepäck, die von der Klasse neugierig betrachtet und an die Tafel geklebt werden. Auf diese Weise wird der Lebensweg der kleinen Eva ausdrucksstark nachgezeichnet. Immer wieder gibt es längere Erzählpausen, in denen die Schülerinnen und Schüler ihre zahlreichen Fragen stellen oder von den Kriegsgeschichten in ihren eigenen Familien berichten. Eva Weyl ist begeistert: „Was für eine gute Frage …“, sagt sie häufiger. „Es ist so wichtig, dass ihr mit euren Großeltern und Urgroßeltern über die Vergangenheit sprecht, damit so etwas heute nie wieder passiert.“

Man merkt der Klasse an, dass sie sich gründlich auf den Besuch vorbereitet hat – nicht zuletzt durch die Lektüre von Willi Fährmanns „Überaus starkem Willibald“ (in der Fabel erleben Mäuse die Auswirkungen einer Diktatur). Wie im Flug vergeht die Zeit und zum Ende hin gibt es einige Überraschungen: Eva Weyl hat leckere Stroopwaffels, Streusel und niederländische Schokolade in Tulpen- und Windmühlenform im Gepäck, die 4b revanchiert sich mit einem langen Applaus, Käsekuchen und einem selbst gestalteten Plakat mit dem „Gedicht vom Licht“, welches die Klassensprecher Ella und Simon ihr überreichen. „Das Plakat bekommt einen Ehrenplatz in meiner Wohnung in Amsterdam“, zeigt sich Eva Weyl sichtlich gerührt.

Auch die Schülerinnen und Schüler der 4b sind sehr beeindruckt. „Ich glaube, wir haben alle noch etwas dazugelernt – und zwar: Miteinander und nicht gegeneinander!“, fassen die Schülerinnen und Schüler ihre Eindrücke treffend zusammen. Nach dem gemeinsamen Klassenfoto ist klar, Eva Weyls Wunsch, etwas für das friedliche Miteinander in der Gesellschaft zu tun, ist hier auf fruchtbaren Boden gefallen.